BUND-Kreisgruppe Rheinisch-Bergischer Kreis
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Dem Wald wieder mehr zutrauen – mit Lutz Fähser im Lerbacher Wald

22. September 2026 | Arbeitskreis Baum, Lebensräume, Wälder

 (Bernhard Werheid)

Wie viel Pflege braucht ein Wald eigentlich – und wann ist weniger Eingreifen mehr? Diese Frage begleitete uns bei einer Begehung des Lerbacher Waldes mit Dr. Lutz Fähser. Der ehemalige Leiter des Lübecker Stadtforstamtes gilt als einer der Wegbereiter einer Waldwirtschaft, die stärker auf die natürlichen Prozesse des Ökosystems setzt.

Dass diese Frage gerade in Bergisch Gladbach aktuell ist, hat einen konkreten Anlass: Die Stadt hat größere Waldflächen im Lerbacher Wald erworben. Nun stellt sich die Frage, wie diese Flächen künftig entwickelt und bewirtschaftet werden sollen. Klimawandel, Trockenperioden und Artenverlust machen diese Entscheidung umso wichtiger.

Ein Wald, der vieles selbst kann

Bei unserem Rundgang wurde schnell deutlich, worauf Fähsers Konzept hinausläuft: Dem Wald soll wieder mehr zugetraut werden. Statt seine Entwicklung permanent durch Pflanzung, Durchforstung und andere forstliche Maßnahmen zu steuern, werden natürliche Prozesse möglichst weitgehend genutzt.

Fähser entwickelte diesen Ansatz gemeinsam mit Kolleg*innen ab Ende der 1980er-Jahre im Lübecker Stadtwald. 1994 wurde das „Konzept der naturnahen Waldnutzung“ veröffentlicht, 1995 von der Lübecker Bürgerschaft beschlossen. Das Grundprinzip: Eingriffe werden auf das notwendige Minimum reduziert. Naturverjüngung, natürliche Konkurrenz zwischen den Bäumen sowie Alterungs- und Zerfallsprozesse sollen möglichst ungestört stattfinden.

Das bedeutet keineswegs, dass überhaupt kein Holz mehr genutzt wird. Auch der Lübecker Stadtwald ist Wirtschaftswald. Doch statt möglichst früh und häufig einzugreifen, dürfen Bäume länger wachsen. Habitatbäume werden erhalten, Totholz bleibt im Wald und bei der Holzernte liegt der Schwerpunkt auf stärkeren und wertvolleren Stämmen.

Weniger Eingriffe – mehr Stabilität

Gerade angesichts des Klimawandels bekommt dieser Ansatz eine besondere Bedeutung. Ein dichter, strukturreicher Wald schützt sein eigenes Innenklima. Das Kronendach beschattet den Boden, Feuchtigkeit bleibt länger erhalten und abgestorbenes Holz wird nicht als „Unordnung“ betrachtet, sondern als wichtiger Bestandteil des Ökosystems.

Fähsers Grundgedanke widerspricht damit einer Vorstellung, nach der wir einen Wald ständig aktiv „klimafit“ machen müssten. Natürliche Waldgesellschaften verfügen selbst über vielfältige Anpassungsmechanismen. Die Aufgabe der Forstwirtschaft besteht nach diesem Ansatz deshalb vor allem darin, diese Prozesse möglichst wenig zu stören.

Interessant ist dabei auch die wirtschaftliche Seite. Weniger Pflanzungen, weniger Pflege und weniger intensive Eingriffe bedeuten geringere Kosten. Gleichzeitig können ältere und stärkere Bäume einen höheren Holzwert erreichen.

Gute Voraussetzungen im Lerbacher Wald

Und was bedeutet das für Bergisch Gladbach?

Bei den Begehungen mit Fähser zeigte sich, dass der Lerbacher Wald für eine naturnahe Entwicklung bereits gute Voraussetzungen mitbringt. Die vorhandene Durchmischung und die Naturverjüngung bieten eine Grundlage, auf der aufgebaut werden könnte.

Gerade das macht den Ansatz interessant: Es geht nicht darum, den vorhandenen Wald durch einen vermeintlich besseren Wald zu ersetzen. Es geht darum, genau hinzusehen, welche natürlichen Prozesse bereits stattfinden – und ihnen Raum zu geben.

Am Abend wurde die Diskussion im voll besetzten großen Sitzungssaal des Kreishauses fortgesetzt. Neben interessierten Bürgerinnen waren auch Vertreterinnen aus Politik und Verwaltung gekommen. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie groß das Interesse an der zukünftigen Entwicklung des Stadtwaldes ist.

Eine zentrale Botschaft des Tages lautete: Naturnahe Waldentwicklung bedeutet nicht, nichts zu tun. Sie bedeutet, sehr genau zu überlegen, wann menschliches Eingreifen tatsächlich notwendig ist – und wann der Wald selbst die bessere Lösung bereithält.

Angesichts von Klimawandel und Artenverlust kann dieses Vertrauen in natürliche Prozesse einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Wälder widerstandsfähiger und zugleich artenreicher zu entwickeln.

Die Veranstaltung am 15. September wurde gemeinsam von der BUND-Kreisgruppe Rheinisch-Bergischer Kreis, dem Rheinisch-Bergischen Naturschutzverein (RBN) und den Klimafreunden Rhein-Berg organisiert.

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