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Michael Müller: "Die alten Bäume sind ökologisch besonders wertvoll"

04. November 2025 | Kreisgruppe Rheinisch-Bergischer-Kreis, BUND, Streuobstwiese, Baumschutz, Klimawandel, Naturschutz

Warum ist es notwendig, Streuobstwiesen zu pflegen sowie ihre Früchte regional zu nutzen, um den Klimawandel zu bekämpfen, die Biodiversität zu fördern und eine klimafreundliche Lebensmittelversorgung aufzubauen? Darüber berichtete unser Obstbaum-Experte Michael Müller in einem Interview.

Michael Müller bei einem Einsatz zur Obstbaumpflege in Moitzfeld. Michael Müller bei einem Einsatz zur Obstbaumpflege in Moitzfeld.  (Foto: Olga Voitovych)

Michael Müller und seine Mitstreiter:innen bewirtschaften derzeit etwa 1500 Obstbäume auf verschiedenen Wiesen im Rheinisch-Bergischen Kreis und Umgebung (z.B. Köln-Flittard, Bechen-Herweg, auch größere in Bergisch Gladbach, etwa in Moitzfeld und in Bensberg am Krankenhaus). Auf den Obstwiesen muss ganz viel gearbeitet werden. Ein Baum muss im jungen Zustand einmal im Jahr gepflegt werden, die ersten 15 Jahre muss er jedes Jahr geschnitten werden. Später dann, alle drei Jahre, im ganz hohen Alter alle fünf Jahre. Je älter der Obstbaum wird, umso biodiverser wird er.

Michael Müller stand hierzu in einem sehr anregenden Gespräch Rede und Antwort.

Was ist nun die Bedeutung von Streuobstwiesen?

Biodiversität: Streuobstwiesen wurden in früheren Zeiten vom Menschen angelegt. Dabei entstanden zufällig Lebensräume welche in unserer Landschaft die höchste Biodiversität haben, mit bis zu 3500 verschiedenen Lebewesen pro Fläche. Diese biodiversen Räume werden durch menschliches Eingreifen (Pflege, Ernte, Beweidung, zweimaliges Mähen) erhalten.

Klimaresilienz: Alte Bäume (60-80 Jahre) auf Streuobstwiesen sind widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels (z.B. 2 Grad Erwärmung), ähnlich wie naturbelassene Dauerwälder. Sie bilden ein Bollwerk gegen den Klimawandel.

Regionale Lebensmittelversorgung: Streuobstwiesen ermöglichen eine klimafreundliche, regionale und saisonale Lebensmittelproduktion. Dies kann den Bedarf an Importen (z.B. Äpfel aus Neuseeland, Tomaten aus Spanien) reduzieren und fördert die Nutzung heimischer Produkte. Michael Müller kritisiert an dieser Stelle die Ausbeutung in der globalen Lebensmittelindustrie.

Kulturlandschaft und Handwerk: Die Obstwiesen sind Teil des kulturellen Erbes und Brauchtums. Daher sind Streuobstwiesen auch als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Es sind die Eigenschaften Biodiversität, Brauchtum und handwerkliche Techniken, die das Kulturerbe ausmachen.

Welche Herausforderungen und Probleme gibt es rund um die Obstwiesen?

Industrialisierung der Landwirtschaft: In der Vergangenheit wurden viele Streuobstwiesen großflächig “ausgeräumt”, um Platz für große Maschinen und landwirtschaftliche Monokulturen zu schaffen. Es gab sogar Prämien für die Beseitigung von Obstbäumen. Es dauert naturgemäß Jahrzehnte, um wieder Obstwiesen aufzubauen und bis die Biodiversität wieder entstehen kann.

Fehlende Vertriebsstrukturen: Noch mangelt es an Strukturen für die regionale Vermarktung von Tafelobst und verarbeiteten Produkten aus Streuobst. Derzeit werden 90 % der Äpfel zu Saft verarbeitet.

Finanzierung der Pflege: Viele Streuobstwiesen wurden vor 25 bis 30 Jahren als Ausgleichsflächen für Bauvorhaben angelegt. Die Kommunen und Eigentümer weigern sich nach der Pflanzung sehr oft, die über einen Zeitraum von 30 Jahren gehende Pflege zu finanzieren. Die Durchführung der jährlichen Pflegemaßnahmen werden nicht, oder sehr selten kontrolliert. Das Land NRW zieht sich zudem aus der “Vertragslandwirtschaft” als weitere Möglichkeit Streuobstwiesen zu finanzieren zurück, was die Situation verschärft. Michael Müller kritisiert, dass Gelder der Kommunen für teure Projekte ausgegeben werden, während der Naturschutz unterfinanziert ist.

Auswirkungen des Klimawandels auf die Obstwiesen: Obwohl alte Sorten klimaresilenter sind als Obst aus dem Supermarkt, leiden die Äpfel unter Hitzewellen, was zu Qualitäts-, Lagerfähigkeits- und Geschmackseinbußen führt. Die Bäume müssen gegossen werden, da der Grundwasserspiegel sinkt. Dies war früher nicht notwendig. Zu beobachten ist auch ein zunehmender Schädlingsbefall (z.B. Gespinstmotte, Rindenbrand) und neue Krankheiten, die auch andere Fruchtsorten betreffen.

Michaels Müllers Aufruf und Botschaft

Handeln statt Diskutieren: Wichtig ist, ins Tun zu kommen und nicht zu resignieren. Aktuell wird noch zu viel diskutiert, anstatt entschieden zu handeln.

Pflege und Ernte: Bestehende alte Bäume pflegen, erhalten und die Früchte ernten. "Erhalten durch Aufessen." Gerade die alten Bäume sind ökologisch besonders wertvoll.

Umweltbildung: Sensibilisierung und Aufklärung, insbesondere durch Umweltbildung (z.B. Apfelpressen mit Kitas und Schulen).

Sensibilisierung der Bevölkerung: Menschen sollen wissen, woher ihre Äpfel kommen, und die Bedeutung regionaler, saisonaler Produkte verstehen. Früchte sollten nicht weggeworfen, sondern zur Ernte und Verarbeitung zur Verfügung gestellt werden.

Michaels Müller Lieblingsapfelsorte ist der Berlepsch, da er, wie die meisten alten Apfelsorten eine geschmackliche Intensität besitzt, die hochgezüchteter Supermarktware fehlt.

Fazit: Die Kernbotschaft ist, dass Streuobstwiesen ein vitales, vielfältiges und klimaresilientes Element unserer Landschaft sind, deren Erhalt und Nutzung entscheidend für eine nachhaltige Zukunft ist, wofür jedoch deutlich mehr Engagement und politische Unterstützung erforderlich sind.

Zur Person

Michael Müller, 58 Jahre, Mitglied der Grünen, ist seit seinem 20. Lebensjahr in der Umweltbewegung aktiv, beginnend mit Themen wie Waldsterben und Zero Waste, geprägt von dem Reaktorunglück in Tschernobyl und der Volkszählung 1984/1987. Hierzu sagt er, dass insbesondere in Bayern eine immer noch erhöhte Strahlenbelastung zum Beispiel in Wildschwein-Fleisch messbar ist.

Michaels Spezialgebiet ist der Umwelt- und Naturschutz, insbesondere Streuobstwiesen. Nach dem Abitur hat er eine Ausbildung als Gemüsegärtner gemacht, dann BWL studiert und ein paar Betriebe saniert. Bei der anschließenden Tätigkeit in Handelsketten, u. a. im Einkauf habe er erfahren wie man Lieferanten “quält”. Das Prozedere, wie ein Lebensmittel in den Markt kommt, kenne er sehr gut.

Michael Müller erzählt, dass er heute auf dem ehemaligen Bauernhof seiner Familie lebt. Kurz bevor das Bauernsterben begann, sei seiner Großvater in Rente gegangen und habe den Bauernhof nicht weitergeführt. Michaels Onkel hatte einen für damalige Verhältnisse sehr großen Bauernhof, den er sich aufgebaut hatte mit über 100 Hektar. Nach heutigen Maßstäben sei dieser auch zu klein. Diese Entwicklung, so Müller, zeige deutlich, wie der Zwang zum Wachsen in der Landwirtschaft auf Kosten der Biodiversität geht.

Weitere Infos unter: bergischer-streuobstwiesenverein.de

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